Konzertkritiken

© Berner Zeitung; 3. November 2018
Ausgaben-Nr. Seite 2OA
Langenthaler Tagblatt Region
Improvisation zum Film
Langenthal Eindrücke der Stadt von Markus Heiniger fanden in der Kirche durch Rainer Walker ihre musikalische Vertiefung.
Das Geschehen spielte sich auf der Empore der Kirche Geissberg ab: Vor einer Grossleinwand im Bereich zwischen dem Operateur und dem Organisten standen die Stuhlreihen bereit für die vielen interessierten Besucher. Gespannt warteten sie auf den Beginn eines ungewöhnlichen Zusammenwirkens. Wird der Musiker stimmige Mittel finden, die das Gesehene auch akustisch erfahrbar machen? War doch der Anlass mit «l’orgue imaginaire» betitelt.
Rainer Walker an der Orgel liess nicht lange im Ungewissen und stieg solo mit einer erwartungsfroh leichten Melodie ein. Und dann tat sich auf der Leinwand Geheimnisvolles: Wandernde Lichtpunkte erschienen und wurden zu Grabkerzen und Laternen. Der einheimische Markus Heiniger führte auf den Friedhof. Simultan ging die Orgel in eine Stimmung feiner Verhaltenheit über. Dass zwei Könner einander künstlerisch fanden, schloss sich nun in wechselnden Sequenzen zum Bild einer lebendigen Stadt.
Da blickte man in den gewerblichen wie in den kulturellen Betrieb, den Heiniger schwerpunktmässig erschloss mit der Entstehung eines Bildes. In konzentrischen Bewegungen des Farbrollers wuchs es heran. Walker vollzog es mit klangfarblich intensiven Registern nach. Nahtlos ging es durch gekonnte Überblendungseffekte hinaus in die Strassen, wo das Auge der Kamera Kontraste zwischen der beschaulichen Marktgasse und den pulsierenden Verkehrsachsen festhielt und ironisch zuspitzte: Mit dem Zeitraffer raste man kreuz und quer durch die Stadt. Kurztaktig schrille Pulse der Orgel steigerten die Szene ins Atemlose.
Mit vielseitigen Kontrasten gab der Film spannende Einblicke und führte schliesslich in Ruhe und Poesie der aktuellen Herbststimmungen mit fahlen, aber auch leuchtenden Farben der Natur. Rainer Walker improvisierte als profunder Kenner des Instruments. Das Zusammenspiel liess ein begeistertes Publikum zurück.
Heinz Kunz

September 2018

 

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